Saisonrückblick: Interview mit Emir Hadzimuhamedovic

Saisonrückblick: Interview mit Emir Hadzimuhamedovic

Zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte spielten die Neckarsulmer Handballfrauen im deutschen Oberhaus und feierten nach einer langen, kräftezehrenden Saison am letzten Spieltag den Klassenerhalt. Mit 13:39 Punkten steht die Sport-Union am Saisonende vor den sportlich abgestiegenen Vereinen aus Celle und Nellingen. Da aus der 2. Bundesliga aber nur die HSG Bensheim/Auerbach aufsteigen wird, steht in der nächsten Saison wieder das Schwaben-Derby zwischen Nellingen und Neckarsulm auf dem Programm. Die Top-Torschützinnen wurden auch in diesem Jahr in Neckarsulm wieder Alla Vojtiskova (109), Lena Hoffmann (106/7) und Kapitänin Hannah Breitinger (91/19). Besonders stolz ist die NSU aber weiterhin über die Entwicklung der Zuschauerzahlen. Mit durchschnittlich 1.100 Zuschauern in der Ballei belegt die Sport-Union hier im Ligavergleich den vierten Platz und hat sich im Unterland mittlerweile als echtes Highlight am Samstagabend etabliert.

Zum Abschluss der Saison 2016/16 hat sich die NSU nun mit Trainer Emir Hadzimuhamedovic über das erste Jahr in der 1. Bundesliga und die sportliche sowie strukturelle Entwicklung unterhalten.

NSU: Emir, wie fällt dein Fazit zum ersten Jahr im deutschen Oberhaus aus?

Emir Hadzimuhamedovic: „Vor der Runde haben wir als klares Ziel den sportlichen Klassenerhalt ausgegeben, den wir am Ende schließlich auch mit 13 Punkten erreicht haben. Allerdings haben wir dafür wahrlich nicht den leichtesten Weg gewählt. Zu Saisonbeginn gab es mit dem Sieg gegen Leipzig, das zu diesem Zeitpunkt noch eine Weltklasse-Mannschaft war, direkt eine Überraschung, die niemand erwartet hatte. Und auch der Sieg in Blomberg waren danach nicht unbedingt Punkte, die wir uns ausgerechnet hatten. Mit sechs Punkten aus sechs Spielen waren wir dann als Aufsteiger voll im Soll und haben die Situation nach der EM-Pause etwas unterschätzt. Wir waren uns sicher, dass wir die restlichen notwendigen Punkte aus 20 Spielen holen werden und haben daraufhin gemerkt, wie stark und unberechenbar die 1. Liga ist. Wir sind dann in eine Phase gekommen, in der es uns sehr schwer gefallen ist, Punkte zu holen. Dazu hat uns die bittere Niederlage gegen Nellingen zurück geworfen und dem TVN gleichzeitig viel Hoffnung für den Klassenerhalt gegeben. Im Februar/März haben wir den Abstiegskampf aber voll verinnerlicht gehabt, machten einige gute Spiele gegen hochklassige Gegner, in denen wir aber nicht belohnt wurde. Dadurch entstand die Spannung bis zum letzten Spieltag und dem Höhepunkt in Nellingen. Dieses Spiel war für uns alle eine neue Situation. Wir waren zum Siegen verdammt und an solchen Spielen sind wir als Sportler diese Saison sehr gewachsen. Zum Abschluss hat die Mannschaft als Krönung dann gegen Metzingen befreit eine der besten Leistungen gezeigt. Alles in allem eine Saison, in der für unsere Fans alles geboten war und die sehr interessant war. Überragend ist deshalb auch der vierte Platz im Zuschauerranking, da die Fans uns nie im Stich gelassen haben.“

NSU: Wie hat deiner Meinung nach die Umstellung von der zweiten auf die erste Liga funktioniert?

Hadzimuhamedovic: „Ja, hier haben wir enorm gemerkt, dass unsere Strukturen nicht zu den sportlichen Strukturen in der ersten Liga passen. Mit nur vier Trainingseinheiten in der Woche haben wir diese Saison den Kampf um den Verbleib im deutschen Oberhaus angenommen. Der Großteil der Mannschaften in der Bundesliga trainiert im Vergleich zu uns 7-8 Mal pro Woche und hat einen Profitrainer sowie zahlreiche Spielerinnen, die sich fast nur auf den Handball konzentrieren können. Diese Trainingsquantität merkt man dann einfach an der Schnelligkeit, Passgenauigkeit, der Qualität im Spiel und der taktischen Vorbereitung. In dieser Saison haben wir diesen Rückstand durch den enormen Willen und Mannschaftsgeist sowie super gezieltem Training ausgeglichen, aber in Zukunft brauchen wir auch die Quantität wie in anderen Vereinen.“

NSU: Das Ziel Klassenerhalt wurde erreicht. Bist du damit zufrieden oder hättest du mehr erwartet?

Hadzimuhamedovic: „Nein, mir war völlig klar, dass es super schwer wird. Wir haben zwar Punkte gegen Mannschaften geholt, gegen die wir uns nichts ausgerechnet haben, aber in der Summe müssen wir realistisch bleiben. Mit Celle, Nellingen und uns gab bzw. gibt es drei Mannschaften in der 1. Liga, die sportlich nicht die Begebenheiten haben wie andere Vereine. Mehr zu erwarten war deshalb wirklich nicht.“

NSU: Neckarsulm gehörte diese Saison zu den Mannschaften mit den wenigsten Trainingseinheiten. War das für dich ein ausschlaggebender Punkt?

Hadzimuhamedovic: „Das war definitiv ein ausschlaggebender Punkt. Als Profi kann man nicht nur im Training, sondern auch abseits in der Vorbereitung viel mehr Zeit investieren und hat auch Zeit für sich. Wir spielen in der Bundesliga sehr oft gegen Profimannschaften, die mehr investieren als wir. Wir sind einfach noch nicht so weit wie zum Beispiel Bietigheim, Buxtehude oder der THC. In Zukunft müssen deshalb auch die Strukturen bei uns gelegt werden, dass Trainer und Spielerinnen vormittags trainieren können. Aber wir dürfen keine Wunder erwarten. Wir haben uns inzwischen einen tollen Zuschauerstamm erarbeitet, setzen auf die Leute aus der Region und die Umgebung. Dass zahlreiche Spielerinnen neben der Bundesliga trotzdem im Berufsleben stecken, macht die Mannschaft bei den Fans natürlich auch sehr sympathisch.

NSU: Was war für dich der Knackpunkt, der zum Klassenerhalt geführt hat, und das Highlight der Saison?

Hadzimuhamedovic: „Nachdem wir ein paar Spiele verloren haben, war für mich der Knackpunkt der unglaubliche Zusammenhalt zwischen unseren wahren Fans und der Mannschaft. Hier ist eine Energie entstanden, die gegenseitig übertragen wurde und uns im Abstiegskampf angetrieben hat. Mannschaft und Fans haben in jedem Spiel alles gegeben, das hat mit sehr imponiert und dadurch ist in Neckarsulm richtig was zusammen gewachsen. Das absolute Highlight war natürlich der Sieg in Nellingen mit 300 Fans im Rücken und einer richtig geilen Abwehr. Nach dem Spiel lagen sich alle in den Armen, standen lange auf dem Spielfeld, das war nochmal geiler als der Aufstieg. Highlights waren aber auch zuhause in der Ballei die Siege gegen Leipzig und Metzingen mit richtig starken Leistungen der Mannschaft. Und nicht zu vergessen die Einladung von Lui, Lena und Selina zu den Lehrgängen der Nationalmannschaft. Es ist alles andere als selbstverständlich, dass drei langjährige Spielerinnen von uns eingeladen werden. Das ist eine tolle Bestätigung für den Verein und das Unterland.“

NSU: Wie zufrieden bist du mit der spielerischen und individuellen Entwicklung der Mannschaft nach dieser Saison?

Hadzimuhamedovic: „Letztes Jahr waren wir unter den Bedingungen in der 2. Liga absolut überragend. Aber wir mussten uns nach dem Aufstieg anpassen. Unser Tempospiel, das uns in der 2. Liga auszeichnete, funktioniert in der 1. Liga nicht so einfach, da hier alle auf Tempo spielen. Deshalb mussten wir auch deutlich längere Spielzüge im Angriff spielen. Die Spielweise musste angepasst werden, das hat auch eine Weile gedauert, aber am Ende haben wir es gut in den Griff bekommen. Die gegnerische Abwehr muss ständig vor neue Herausforderungen gestellt werden, die eigene Abwehr muss dazu gezielt eingestellt werden. Das alles hat uns im Vorjahr nicht interessiert, da wir in der 2. Liga dem Spiel unseren Stempel aufgedrückt haben. Und deshalb hat sich die Mannschaft super in Richtung 1. Liga entwickelt. In der ersten Saisonphase war Lena Hoffmann mit Unterstützung von Alla natürlich überragend. Beide Kreisläuferinnen haben pausenlos richtig gute Leistungen gezeigt, unsere Außen waren auch ständig in guter Form. Maike hat 2017 wirklich eine top Leistung abgeliefert, Isi machte als Joker einige richtig gute Spiele und Svenja war der wichtige Backup. Und auch Melli im Tor war durch ihre starken Leistungen eine wichtige Stütze. Das einzige Problem war, dass unsere Neuzugänge leider nicht wie gehofft eingeschlagen haben und dadurch kein wirklicher Konkurrenzkampf entstanden ist, der wichtig gewesen wäre.“

NSU: 7 Spielerinnen werden den Verein verlassen, wie blickst du auf die kommende Saison?

Hadzimuhamedovic: „Das ist kein großer Umbruch, da müssen wir auf jeden Fall ehrlich sein, da uns zum Beispiel auch drei Torfrauen verlassen werden. Sehr schmerzhaft ist der Abgang von Kathi Fischer, da sie menschlich und sportlich nicht leicht zu kompensieren sein wird. Aber mit Sina Namat haben wir hier eine perfekte Ergänzung bekommen, die ich schon lange verpflichten wollte. Schon als junge Spielerin hat sie als Kapitänin in Nellingen bewiesen, dass sie es drauf hat und ich bin zuversichtlich, dass sie uns sehr weiterhelfen wird. Und auch über Ann-Cathrin Giegerich bzw. Linda Mack freue ich mich sehr. Ich habe Ann-Cathrin auch beim derzeitigen Lehrgang der Nationalmannschaft beobachtet. Wir gehen bei ihr auch ein Risiko nach der langen Verletzungspause ein, aber sie ist super fleißig, ehrgeizig und wird bei uns zu alter Stärke zurück finden. Auch Linda wollte ich schon lange verpflichten. Sie ist super in der Abwehr und auch sehr interessant, da sie im Angriff variabel auf der rechten Seite eingesetzt werden kann. Zudem passt sie perfekt zu uns, da sie eine junge, deutsche Spielerin aus der Region ist. Ein Dämpfer war zuletzt natürlich die Absage von Iveta Luzumova, die unsere Planungen schon zurückgeworfen hat. Aber wir arbeiten hier mit Hochdruck an einer Lösung für den Rückraum und werden da auch demnächst etwas präsentieren können.“

NSU: Zum Abschluss noch eine letzte Frage. Wie siehst du die Entwicklung in der Handball-Abteilung der Sport-Union?

Hadzimuhamedovic: „Hier hat sich auf jeden Fall einiges getan. Bei den Männern hat der Verein mit der Verpflichtung von Peter Baumann in einer schwierigen Situation die richtige Entscheidung getroffen. Auch hier wird nun neben erfahrenen Kräften auf die Jugend gesetzt und damit der richtige Weg eingeschlagen. Natürlich freut es mich da, dass die Mannschaft kurz vor dem Aufstieg in die Baden-Württemberg Oberliga steht. Aber mich freut auch, dass die Strukturen im erweiterten Frauenhandball-Bereich verbessert werden, damit wir dauerhaft konkurrenzfähig sind. Dazu braucht man einen hauptamtlichen Trainer, die weitere Entwicklung der 2. Mannschaft sowie eine aufstrebende Jugend. Bei allem haben wir einen wichtigen Schritt nach vorne machen können und werden darüber auch demnächst ausführlich berichten können.“

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